
Die allmächtigen Götter mögen sich mir gnädig erweisen: einer Sklavin, die es wagt, von sich zu sprechen und ich zu sagen. Denn nur im Munde der Mächtigen ist dieses Wort kein Aufstand gegen Schamasch und Marduk und Ischtar. Aber im Munde einer Sklavin - möge sie auch weise sein - ist es Aufruhr, Blasphemie, Gottlosigkeit...
Mögen die Götter mir verzeihen: ich mußte sprechen, schreiben, denn er, Assurbanipal, mein lieber Herr, hat mich geweckt, dem Leben zugeführt, und die wunderbare Welt der Schriftzeichen hat mich, die kleine Wildkatze verzaubert...
... Der Krönungstag war festgelegt. Der Palast summte wie ein Bienenkorb bei den vielfältigen Vorbereitungen. Assurbanipal und der ganze Hofstaat würden auf königlichen Barken den Tigris hinabfahren zur Königsstadt Assur.
Mich ergriff dasselbe Fieber, das den ganzen Harem beherrschte. Sonst hatte ich für die engbegrenzten Interessen dieser Schönen nur ein absch6auml;tziges Lächeln, aber diesmal hatte ich auch das Bedürfnis, zu den Schönsten zu gehören. Ich ließ den Stoffhändler aus dem Basar kommen. Er breitete seine Schätze vor mir und Nanadirat aus. Wir prüften, wählten und verwarfen. "In Rosa sehe ich dich immer am liebsten," meinte die Dienerin. Es macht dich so zart und mädchenhaft." Aber ich hatte eine andere Vorstellung. Diesmal wollte ich elegant sein und es mit der Palastfrau aufnehmen können. Schließlich entschied ich mich für ein Untergewand aus Schleierstoff und ein Obergewand aus kostbarer Seide, die über und über mit Lotosblüten und Paradiesvögeln bestickt war. Beide Stoffe waren von gleicher Farbe, einem hellen Sonnengelb, das meiner braunen Haut einen Schimmer von dunklem Samt gab. Der Palastschneider arbeitete mir daraus ein schlichtes hemdartiges Gewand. Ich ließ es ungegürtet, so dass man, wenn das Obergewand beim Gehen zurückschlug, meinen dunklen Leib durch das transparente Untergewand ahnte. Dazu trug ich Ohrgehänge und Armreifen aus Gold und Elfenbein und gelbe und weiße Blüten im Haar. Als Nanadirat mich gesalbt und geschmückt hatte, trat sie einen Schritt zurück und betrachtete mich kritisch. Dann klatschte sie in die Hände und rief aus: "So schön warst du noch nie, Herrin, du wirst die Schönste sein!" Wohlgefällig betrachtete ich mich im Spiegel. War mir als Sklavin auch das Vorrecht versagt, den Schleier zu tragen, so brachte mir dieser Verzicht den Vorteil, meine Schönheit zur Geltung zu bringen. Es war eine stattliche Anzahl von Barken, die am Fluss warteten. Die königliche Leibgarde hatte Aufstellung genommen, die Flötenspieler bliesen, und die Trommeln dröhnten, als Assurbanipal eintraf. Der Schirmträger hielt das schattenspendende Dach über ihn, die Fliegenwedler blieben dezent einen halben Schritt zurück. Es war ein königlicher Anblick, auch wenn das Antlitz des Kronprinzen sehr ernst und schmal und von tiefer Blässe überzogen war. Voller Mitgefühl ruhten meine Augen auf ihm, aber er gewahrte mich nicht. Sein Blick schien in weite Feme gerichtet. Die ersten Boote fuhren schon den Fluss hinab, als wir Frauen mit unseren Dienerinnen und den Palastbeamten an Bord gingen. Täuschte ich mich, oder sah die Palastfrau wirklich neidisch auf mein festliches Gewand, während sie in ihren großen Schleier gehüllt an mir vorüberschritt? In Assur war alles vorbereitet. Die Priester stellten uns gruppenweise vor dem Tempeltor auf, wo wir den Kronprinzen erwarteten. Kopf an Kopf stand hinter uns eine riesige Menschenmenge und jubelte, als Assurbanipal schließlich von Dienern auf einem Thron sitzend an uns vorbei zum Tempel getragen wurde. Die Priester erwarteten ihn am Tor. Der Oberpriester schlug das Tamburin und rief immer wieder die traditionellen Worte: "Assur ist König". Scheu blickte ich auf die geflügelten Ungeheuer mit ihren Menschenköpfen und Knebelbärten, die den Eingang bewachten. Langsam schlossen wir uns alle dem Zug an und drängten in den dämmrigen Tempel, der durch eine Öffnung in der Decke etwas Licht erhielt. Die Wände waren bunt bemalt. Dann nahm das Ritual meine Augen gefangen. Assurbanipal war vom Thron gestiegen und warf sich demutsvoll vor dem Götterbild nieder. Er ergriff die Räucherschalen und stellte sie eigenhändig auf den Altar. Blaue, betäubend duftende Dämpfe stiegen auf. Dann nahm er aus den Händen eines Dieners ein Gewand sowie Gold und Silber für den obersten Priester und legte sie zu Füßen des Götterbildes nieder. Nun begannen die Opfer: Als Priester richtete der Kronprinz eigenhändig den Opfertisch. Er streute Zypressenharz auf die Räucherschalen. In dicken Wolken stieg der Rauch auf. Dann sch/uuml;ttete er Bier und Gerste in das große Opferbecken aus Bronze, in dem die Holzkohle glühte. Ein Lamm wurde herbeigeführt. Ein Messer blitzte auf und der Blutstrahl schoss hervor. Der Oberpriester murmelte Gebete, und ich spitzte die Ohren. Es waren vertraute Worte, die ich da hö,rte, sprachen die Priester doch in der Sprache der Weisheit, die mich mein Vater gelehrt hatte. Nach den Opferzeremonien kam die eigentliche Königsweihe. Die Priester traten an meinen Herrn heran und grüßten ihn als den Stellvertreter Gottes auf Erden. Er empfing von ihnen die Krone und die königlichen Insignien, das Szepter, das wie eine Kugel an einem kurzen Griff aussah, und den langen Stab. Sie hatten vor dem Altar gelegen, wie ihre Urbilder auf einem Tisch vor dem Thron Anus im Himmel liegen. Als Gesalbter Gottes verließ Assurbanipal den Tempel. "Mein König", dachte ich und prägte mir seine stolze Erscheinung ein. Für sein Obergewand hatte man Stickereien aus verschiedenfarbigen Metall- und Wollfäden gewählt. Es wirkte wie ein Gemälde. Ein geflügelter Genius hielt eine Schale mit segenspendendem Wasser. Darunter sah man unter einem heiligen Baum einen Löwen, der gerade einen Stier anfiel. Alles war in wunderbarer Symmetrie ausgeführt und von Lotosknospen und Palmwedeln eingerahmt. Der Gürtel war flach und breit, und an dem ledernen Gehenk befand sich das kurze Schwert in einer verzierten Scheide mit zwei dicht aneinandersitzenden Löwen. Auf dem Kopf trug er den königlichen Hut mit der im Nacken geknoteten Schärpe, die über den Rücken hing. Seine Haare waren gescheitelt und fielen in dichten Locken auf die Schultern. Auch die Armbänder waren mit Löwenköpfen verziert und in den Ohren trug er schwere Gehänge. Ja, er war wirklich eine stolze Erscheinung, dieser König, und mein Herz hüpfte vor Freude bei dem Gedanken, dass es mein Geliebter war, der da an mir vorüberschritt. Einzig seine Blässe gefiel mir nicht. Sie war noch stärker als bei seinem Eintritt in den Tempel, und die Augen glühten schwarz in tiefen Höhlen. Den ganzen Abend wurde gefeiert. Bei Fackelbeleuchtung aß und trank man, und immer wieder schallten von draußen die Jubelrufe des Volkes, das zur Feier des Tages gespeist wurde. Feuer brannten auf Straßen und Plätzen, und ein intensiver Geruch von heißem Fett lag über der ganzen Stadt. Wir kehrten erst nach einigen Tagen nach Ninive zurück. Als Nanadirat mir beim Auskleiden half, er- zählte sie aufgeregt: "Im Thronsaal ist schon alles festlich hergerichtet für die Audienz morgen. Viele Geschenke sind ausgebreitet, und Soldaten stehen daneben und bewachen sie." "Woher weißt du das, wie hast du das alles feststellen können," fragte ich erstaunt. Nanadirat wurde rot vor Verlegenheit. Schließlich bekannte sie stockend: "Ich war sogar schon einmal bei einer Audienz zugegen. Du weißt, Herrin, gleich neben der Tür ist der lange, drapierte Vorhang. Darin versteckte ich mich, und mit einem Pfriem habe ich in Augenhöhe ein Loch hineingestoßen, so dass ich alles verfolgen konnte." Nachdenklich schaute ich meine neugierige Dienerin an. Beim Einschlafen hatte ich eine Idee, die mich immer wieder aus meinen Träumen riss, und nachdem ich morgens gebadet, gesalbt und angekleidet war, befahl ich Nanadirat: "Geh zur Palastfrau und sage ihr, dass ich Fieber hätte und mich hinlegen musste. Aber vorher zeigst du mir, wie ich in das Versteck hinter dem Vorhang im Thronsaal komme." Das Mädchen begann zu zittern. "Weißt du, dass du schwer bestraft wirst, wenn man dich findet? Und heute ist großer königlicher Empfang!" Aber ich ließ mich von meinem Vorhaben nicht mehr abbringen. Da fügte sich Nanadirat seufzend. "Komm mit", sagte sie. Unterwegs verschwand sie rasch in einer Kammer und kam nach einigen Augenblicken mit einem geknoteten Bündel zurück. "Ich habe dir ein paar Brotfladen eingeknüpft," berichtete sie. "Als ich die Audienz beobachtete, quälte mich großer Hunger. V erlassen kannst du deinen Geheimplatz nämlich nicht mehr so schnell, du musst bleiben, bis alles vorüber ist." Es dauerte nicht lange, und ich stand zwischen den schweren Falten des blassroten Vorhangs. Nanadirat hatte mich bei dem Hin und Her von Dienern, die Geschenke brachten und Teppiche ausbreiteten, von Palastbeamten, die schon Aufstellung nahmen, einfach hereingeschoben. Ich suchte mir einen bequemen Platz, wo ich mich an die Wand lehnen konnte und hatte bald das kleine Loch entdeckt, durch das ich den Thron und den Saal davor beobachten konnte. Ich war im rechten Augenblick gekommen, denn nun drängten die Palastbeamten herein und nahmen Aufstellung. Die Statthalter und Präfekten des Landes, die Offiziere und schließlich die Vasallen und Tributpflichtigen standen Kopf an Kopf. Es blieb nur ein schmaler Weg frei zum Thron. Plötzlich verstummte das Gemurmel, das den Saal wie einen Bienenschwarm hatte summen lassen. Alles machte lange Hälse und schaute zur Türe, die nicht in meinem Blickfeld lag. Dann sah auch ich ihn: in reich geschmücktem Gewand schritt der Großwesir durch die Menschenmenge und postierte sich neben dem Thron, hinter dem schon die Sklaven mit den Fliegenwedeln standen. Da - Assurbanipal erschien mit dem königlichen Kopfputz und den Insignien seiner Würde. Majestätisch nahm er auf dem Thron Platz, vor dem sich einen Augenblick später ein Löwe niederließ, den ein Diener an kurzer Leine hereingeführt hatte. Hätte ich geahnt, was nun folgte, ich hätte mich kaum für meinen Lauscherposten entschieden. ...
Ich war König Assurbanipals Lieblingsfrau
172 Seiten, historischer Roman
ISBN 3-9800471-7-2
12,95 Euro